Hält den Umstieg auf erneuerbare Energien für machbar: Prof. Dr. Martin Faulstich ist Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung und Leiter des Wissenschaftszentrums Straubing. 
Prof. Martin Faulstich hält das Energiekonzept der Regierung für verwässert und die Atomentscheidung für falsch.


Von Susanne Herr. Herr Prof. Faulstich, die Bundesregierung hat gestern ihr Energiekonzept beschlossen. Was halten Sie als Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen von dem Paket?

 Faulstich: Der Sachverständigenrat begrüßt grundsätzlich, dass es nun überhaupt ein Energiekonzept gibt, in dem sich die Bundesregierung über Strom, Wärme, Mobilität und Klimaschutz Gedanken macht. Im Bereich Energieeffizienz, Netze, Speicher und erneuerbare Energien enthält es viele vom Sachverständigenrat empfohlene Elemente. Außerdem freut es uns, dass das Jahr 2050 als Zeitpunkt für die Umsetzung der Ziele in den Blick genommen wurde. Auffällig ist jedoch, dass seit der Vorlage des ersten Entwurfs und mit fortlaufender Konkretisierung viele Ziele immer stärker verwässert wurden.

Was sind denn Ihre Hauptkritikpunkte?

 Faulstich: Zu nennen ist die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre. Dieser doch sehr lange Zeitraum befördert den Umstieg auf erneuerbare Energien nicht wie eine Brücke, sondern behindert diesen im Gegenteil. Auch liegt das Ziel, 80 Prozent der klimaschädlichen Emissionen bis 2050 zu reduzieren, an der Untergrenze des Notwendigen. Der Klimarat der Vereinten Nationen hält für Industriestaaten 80 bis 95 Prozent für erforderlich. Bei der Wärmedämmung wiederum wurde das Ziel fallengelassen, Hausbesitzer zur Sanierung zu zwingen. Und erst öffentlicher Druck hat die Regierung dazu bewogen, die Fördermittel für die Gebäudesanierung etwas aufzustocken. Tatsächlich handelt es sich aber nicht um eine Erhöhung: 2009 standen 2,2 Milliarden Euro zur Verfügung, 2011 sollen es nun 950 Millionen statt 450 Millionen Euro werden. Vergleicht man das endgültige Konzept mit dem Entwurf vordrei Wochen, lässt sich vermuten, wo verschiedene Interessengruppen wohl Einfluss genommen haben.

 Inwiefern war der Sachverständigenrat für Umweltfragen eingebunden in die Entwicklung des Energiekonzepts?

 Faulstich: Die Beratung läuft vorzugsweise über das Umweltministerium und über die entsprechenden Fachreferate in den anderen Ministerien. Wir finden uns in etlichen Teilbereichen des Energiekonzepts durchaus wieder. Bei der
 Verlängerung der Atomlaufzeiten ist die Regierung unserem Rat jedoch leider nicht gefolgt. Im Gegenteil: Ich halte es einer Demokratie für abträglich, wenn eine Regierung Gesetze und Verträge macht, die eine Folgeregierung daran hindern sollen, diese wieder zu ändern.

 Warum genau halten Sie denn die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke für schädlich? Diese „Brückentechnologie" soll den Umstieg auf erneuerbare Energien ja eigentlich nur unterstützen.

 Faulstich: Dass wir das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen müssen, ist angesichts des dramatischen Klimawandels sowie endlicher Ressourcen bei Öl, Gas und Kohle auch in der Bundesregierung unumstritten. Früher oder später bleibt uns ohnehin nichts anderes übrig, als auf erneuerbare Energien umzusteigen. Wenn aber wie von der Bundesregierung gewünscht bis zum Jahr 2050 rund 80 Prozent, wir sagen 100 Prozent, des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen werden sollen, dann ist jetzt der Zeitpunkt zum Umstieg auf erneuerbare Energien am günstigsten. Der Grund dafür ist, dass viele Atom- und Kohlekraftwerke ohnehin in Bälde am Ende ihrer technischen Laufzeit ankommen.

 Wenn man diese künstlich verlängert, dann wird der Umstieg deutlich schwieriger und auch teurer. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

 Faulstich: Das hat die Studie des Sachverständigenrats für Umweltfragen ergeben. Dabei haben wir für Kern- und Kohlekraftwerke eine konservativ geschätzte Betriebsdauer von jeweils 35 Jahren angenommen. Es geht uns schließlich nicht darum, dass alle Kernkraftwerkezum  nächsten Ersten abgeschaltet werden sollen. Es ging uns schlicht darum herauszufinden, wie lange solche Grundlastkraftwerke - die rund um die Uhr Strom produzieren - im Netz systemkompatibel mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien sein können. Erfolgt der Umstieg auf erneuerbare Energien wie nach dem bisherigen Atomkonsens geplant, dann werden die Strompreise nach unseren Berechnungen spätestens ab 2040 deutlich günstiger. Die Verlängerung der AKW-Laufzeiten wiederum hat selbst nach der Studie, die die  Regierung selbst in Auftrag gegeben hat, kaum Auswirkungen auf die Preise.

 Stattdessen sehen Sie nun den Ausbau der erneuerbaren Energien sogar gefährdet?

 Faulstich: Es besteht die Gefahr, dass die vier großen Stromkonzerne am System des Einspeisevorrangs und der -vergütung für erneuerbare Energien kratzen, wenn sie merken, dass ihre Atomkraftwerke doch nicht so profitabel
  laufen. Denn je mehr erneuerbare Energien im Netz sind, desto häufigermüs sen sie ihre Kraftwerke ja eigentlich abschalten, weil deren Strom dann viel zu teuer ist. Deshalb könnte der Druck auf die Politikwachsen, das Erneuerbare-Energien-Gesetz entsprechend abzuändern. Zahlreiche Stadtwerke befürchten bereits, dass sich ihre Investitionen in erneuerbare Energien nicht auszahlen. Und der weitere Ausbau könnte ins Stocken geraten. Abgesehen davon: Durch das neue Energiekonzept sollte ja eigentlich Investitionssicherheit erreicht werden. Wenn die Opposition aber bereits jetzt ankündigt, die Laufzeitverlängerung wieder rückgängig zu machen, dann wissen  viele Branchen wieder nicht, was sich zukünftig lohnen wird.

 Als größte Herausforderung bei der Weiterentwicklung der erneuerbarenEner gien bezeichnet Bundeskanzlerin Angela Merkel den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur. Wie ist diese Herausforderung zu bewältigen?

 Faulstich: Von den geplanten Windparks vor der Küste müssengroße  Netztrassen in Verbrauchszentren wie das Ruhrgebiet oder München gelegt werden. Auch die notwendigen Speicher existieren noch nicht. Diese müssen nun mit Nachdruck gebaut werden. Leider gibt es dabei in der Bevölkerung das sogenannte NIMBY-Phänomen: not in my backyard, also nicht vor meiner eigenen Haustür. Wir müssendes halb schnellstmöglich die entsprechende
 Akzeptanz schaffen, die Bürger müssen informiert und beteiligt werden. Der Vorteil ist: Das Potenzial für erneuerbare Stromerzeugung in Europa ist 20-fach höher als der tatsächliche Strombedarf. Beim Ausbau der erneuerbaren
 Energien gibt es daher große Wahlmöglichkeiten bei den Standorten.

 Welche Auswirkungen hat das Energiekonzept auf das Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe in Straubing?

 Faulstich: Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat betont, dass sehr viel Forschung und Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien betrieben werden muss. Es werden daher sicherlichmeh r Fördermittel in die Forschung gesteckt, davon profitiert auch das Kompetenzzentrum in Straubing. Die Verlängerung der Laufzeiten hat auf unsere Gebiete Biomasse und nachwachsende Rohstoffe indes vermutlich keine unmittelbaren negativen Effekte. Denn dabei geht es nicht nur um Stromerzeugung, sondern auch um Wärme und Mobilität.

 

Quelle: Chamer Zeitung

 

   
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